Jobkiller: Die IT-Revolution frisst ihre Kinder

Gartner befürchtet soziale Unruhen

Das auf Informationstechnik spezialisierte Beratungsunternehmen Gartner überraschte auf seinem diesjährigen Symposion in Orlando, Florida, die Branche mit einen düsteren gesellschaftspolitischen und sozialen Prognosen. Das sonst extrem wirtschaftsfreundliche Unternehmen räumt ein, was alle schon wussten: IT ist ein Jobkiller. Neu ist aber laut Gartner, dass die Branchen kaum mehr neue Jobs schafft und zudem gut ausgebildete Wissensarbeiter von Arbeitslosigkeit bedroht sind.

Wie der IT-Journalist Harald Weiß in den VDI-Nachrichten berichtet, erwarten die Analysten von Gartner eine neue digitale industrielle Revolution. Einige der Gartner-Zitate: 

Forschungsdirektor Peter Sondergaard: „Die Digitalisierung vernichtet weitaus mehr Arbeitsplätze, als sie durch steigende Produktivität oder neue Dienstleistungen generieren kann.“ 

Analyst Daryl Plummer: Bis 2020 müssen die etablierten Wirtschaftsnationen neue Funktionsmodelle und implementieren, sonst kann es in manchen Branchen extrem hohe Arbeitslosigkeiten geben.“

Analyst Hung LeHong: „Buchhändler, Print-Medien und die Reisebranchen waren die ersten, die unter der Digitalisierung zu leiden hatten, analoge Fotoapparate und Audiosysteme folgten – und bald wird alles digital sein.“

Schon jetzt sei absehbar, dass bald folgenden Branchen in ähnlicher Weise betroffen sind.

Hotels, wegen Onlinedienste zu Vermietung privater Zimmer
Banken, Services für Microkredite oder digitale Währungen. 
Taxis, selbstfahrende Autoroboter
Ärzte, Diagnosesysteme a la IBMs Watson-Computer

Erinnert sei auch an die Musikindustrie, die erst durch Apple Online-Verkäufe und deren Nachahmer vor dem ruinösen Downloads geretter werden konnten. Außerhalb der IT-Industrie (aber deren Hilfe) bedrohen ähnliche Sharing-Konzepte die Autoindustrie, weil immer mehr Städter sich lieber Autos bei Bedarf von einem Sharing-Service besorgen, als ein eigenes zu kaufen. 

Erste Ahnungen zu dem Thema können sie dem Kommentar entnehmen, den ich anno 2003 für die das Online-Magazin ZDnet verfasste. 


Wir wollten IT als Jobkiller

Kommentar für die ZDNet aus dem Jahr 2003

Rationalisierung war immer schon das zentrale Argument für die Anschaffung eines Computers im Unternehmen. Von Anfang an galten Rechner daher als Jobkiller. Tatsächlich haben sie schon in den 60er und 70er Jahren Kohorten von Buchhaltern „freigesetzt“. Als hätte die SPD-Sozialexpertin Anke Fuchs, im symbolträchtigen Jahr 1984 die leeren Staatskassen von heute vorausgeahnt, forderte sie damals, dass Kollege Computer, wenn er den Arbeitnehmern Konkurrenz mache, künftig Sozialbeiträge zahlen müsse.

Jedoch schienen lange Jahre die Verfechter des IT-Fortschritts Recht zu behalten, die behaupteten, die neue Technik würde mehr Arbeitsplätze schaffen als vernichten. Das zumindest bestätigten die Statistiken bis zum Ende des Jahrtausends. Diese Erfahrung gefiel den Unternehmen jedoch überhaupt nicht. Seit Jahrzehnten fahndeten Unternehmensberater und IT-Anbieter daher verzweifelt nach wirtschaftlich nachvollziehbaren Gründen für Technologie-Investitionen. Gefunden haben sie meist nur den Verweis auf die Wettbewerber, mit deren modernen Möglichkeiten es mitzuhalten gelte. Dabei war es vor allem diese Konkurrenzsituation, die verhinderte, dass sich die durchaus realisierbaren Rationalisierungseffekte in höhere Margen umsetzen ließen.  Die Ersparnisse wurden in teures IT-Personal und immer wieder neue Technik gesteckt.

 Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Solow hat die Situation folgendermaßen zusammengefasst: „IT shows everywhere except in productivity statistics“. Diese Wahrheit ist inzwischen überholt. Kurz vor der Jahrtausendwende war es noch die IT-Industrie selbst, die ihre eigenen Werkzeuge (Data Warehousing, Logistik-Software, Internet) für neue Produktionsverfahren testete. Im Drogenrausch der New Economy experimentierte dann die halbe Welt mit neuen Geschäftsmodellen – von denen uns einige erhalten bleiben werden. Doch so richtig hat sich IT als Werkzeug für Rationalisierung und Produktivität erst in der Krise bewiesen.

 Die Wirtschaftsflaute hat vielen Unternehmenslenkern die Handhabe für Massenentlassungen gegeben. In den USA ist jetzt der Erfolg sichtbar geworden. Die Wirtschaft wächst fast wie in Dotcom-Zeiten, die Börse heizt den Markt an. Neu ist jedoch, dass ein Kontinent, der selbst in Boomzeiten kaum mehr als 1,5 Prozent Produktivitätssteigerung vorweisen konnte, im dritten Quartal 2003 mit fünf Prozent glänzte. Gary Becker, ein weiterer US-Nobelpreisträger für Wirtschaft schwärmt bereits von einer bevorstehenden technologischen Revolution. Nüchterner betrachtet: Wenn dieselbe Zahl von Waren und Dienstleistungen von einer weit geringeren Zahl an Mitarbeitern hergestellt wird, ist es kein Wunder, wenn die Produktivitätsrate explodiert. Und tatsächlich haben die Unternehmen trotz voller Auftragsbücher, kaum neue Mitarbeiter eingestellt.

Die Rolle der IT dabei: Internet-Shopping und Online-Banking machen für den Anbieter die personalintensiven Filialnetze überflüssig. Die Integration von IT-Services (etwa über Web-Services) machen viel Papierarbeit zum Beispiel bei der Überprüfung der Kundenbonität überflüssig, funkende Mikrochips (Radio Frequency IDs) helfen, den Warenfluss minutiös und ohne viele der bislang damit befassten Menschen zu planen. Ähnliches gilt für die Organisation von Lieferketten über das Internet. Via Netz lassen sich zudem nach Wunsch weltweit Aufgaben zentralisieren oder dorthin verlegen, wo es günstiger erscheint. Offshore-Produktion, Callcenter oder Outsourcing sind Verfahren, die vielen gut bezahlten Mitarbeitern hier zu Lande ihren Job kosten. Durch die Automatisierung von Rechenzentren beginnt zudem die IT-Revolution ihre eigenen Kinder zu fressen. Die Beispiele ließen sich beliebig ergänzen.

 Wachsende Produktivität bei weniger Mitarbeitern beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Branche oder Region. Von diesem Trend sind nur noch kreative Spezialisten ausgenommen. Das bedeutet: Anders als früher finden die freigesetzten Mitarbeiter nicht anderswo eine Aufgabe, denn wo immer sie sich umschauen, wird rationalisiert.

 Kurz: Die Computer sind nach vielen Fehlschlägen zu genau dem Rationalisierungsinstrument geworden, auf das die Unternehmer immer hofften. Und ja, IT ist ein Jobkiller – nicht weil es so sein müsste, sondern, weil wir es so wollten und eigentlich immer noch wollen. Die westliche Zivilisation hat sich einen Menschheitstraum erfüllt – fast. Wie schon der heiliggesprochene Humanist Thomas Morus malte sich der heute geschmähte Sozialrevolutionär Karl Marx eine Zukunft aus, in der vier Stunden Arbeit am Tag reichen, um die Produktivitätsziele zu erreichen. Wir haben es im Prinzip geschafft. Darüber sollten wir uns freuen.

Jetzt geht es nur noch darum, die freie Zeit richtig zu verteilen. Denn so sehr die Lohnempfänger unter Arbeitsverdichtung stöhnen, so sehr leiden die „Freigestellten“ unter dem Mangel an bezahlter Arbeit. Als die Freien Demokraten nicht nur von Steuersenkungen träumten, sondern noch visionäre Ideen hatten, kam aus ihrem Kreis der Vorschlag eines Bürgergeldes, das jeder zur Deckung seiner Grundbedürfnisse erhalten sollte. Wer mehr wolle, müsse sich das Zubrot durch Arbeit verdienen. Das würde zu niedrigen Lohnkosten führen (weil ja nur ein Teil des Lebensunterhaltes damit zu bestreiten wäre) und damit ein gravierendes Einstellungshindernis beseitigen. Ob Unternehmer in einer solchen Welt allerdings die Rationalisierungsmöglichkeiten der Informationstechnik vorantreiben würden, erscheint zweifelhaft.